Wie viel „Persönliches“ verträgt ein Bewerbungsschreiben?

Als Führungskräfte-Coach besteht mein Alltag auch darin, mit Arbeitgebenden nach passenden Bewerber:innen zu suchen. Initiativbewerbungen werden durchaus berücksichtigt. Das vorliegende Anschreiben flatterte mir und ungefähr eintausend anderen Beziehern eines Newsletters vor einiger Zeit ins Haus.

Hier die Originalmail weitgehend im Wortlaut. Die konkreten Orte wurden zugunsten allgemeiner geographischer Angaben verändert und Namen durch Kürzel ersetzt.

„Liebe Netzwerker:innen,

mein Name ist D. ( …) und ich arbeite momentan in ungekündigter Stellung als Lektorin im XY-Verlag im Norden. Mein Vertrag ist bis Oktober nächsten Jahres befristet.
Mein Lebensgefährte hat im vergangenen Dezember eine neue Anstellung im Westen gefunden und aus diesem Grund plane ich, den Verlag frühzeitig zu verlassen und suche eine neue berufliche Herausforderung im Süden.

Wie mein Lebenslauf verrät, habe ich bereits im Taschenbuchlektorat gearbeitet, bin von dort in den Markenbereich gewechselt und betreue seitdem mehrere Reihen im Sachbuchsegment. (…) Ich hatte die Möglichkeit, eine neue Reihe zu konzipieren und deren Entwicklung bis zur Veröffentlichung des ersten Programms im Frühjahr nächsten Jahres zu betreuen.

Auf meinem beruflichen Werdegang habe ich mich immer wieder neuen Herausforderungen gestellt und das wünsche ich mir auch für die Zukunft. Daher habe ich, was meine Jobvorstellungen betrifft, kaum Einschränkungen. Ich bin flexibel, kreativ und vielseitig interessiert. Gerne hätte ich wieder eine feste Anstellung ab Frühjahr/Sommer und ich würde auch gerne im Sachbuchlektorat bleiben, das ist aber kein Muss. Ich kann mir auch vorstellen, als freie Lektorin zu arbeiten, das werde ich von den Umständen abhängig machen.

Ich hoffe, Sie können mir bei meiner Suche behilflich sein.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung.

D. (…)
d@gmx.de 

Trotz Fachkräftemangel hat eine solche Bewerbung bei mir und meinen Auftraggebenden große Chancen, im Papierkorb zu landen. Aber Frau D. ist noch jung und vielleicht hilft es ihr und anderen Bewerber:innen, wenn es ein ehrliches Feedback aus Arbeitgeberperspektive gibt.

Ein Perspektivwechsel kann helfen: Was ist für die Entscheidung potentieller Arbeitergeber:innen relevant, ob eine Bewerbung auf Interesse stößt oder gleich gelöscht wird?

Was Personalverantwortliche von einer Bewerbung erwarten

Ein Bewerbungsschreiben ist auch eine Arbeitsprobe

Von einer Lektorin (!) ist eine gewisse Aufmerksamkeit für sprachliche Formulierungen zu erwarten. Diese schreibt, sie arbeite „in ungekündigter Stellung“ und der Vertrag sei „befristet“ Befristete Stellen müssen nicht gekündigt werden, die laufen einfach aus. Wollte die Bewerberin vielleicht sagen: „Weil befristet beschäftigt, suche ich eine neue Stelle …“. Dann sollte sie das auch so formulieren.

Der Zeitpunkt des Stellenwechsels

Die Stellenbewerberin bekam im aktuellen Job „die Möglichkeit, eine neue Reihe zu konzipieren und deren Entwicklung bis zur Veröffentlichung des ersten Programms im Frühjahr nächsten Jahres zu betreuen.“ Ihr derzeitiger Vertrag läuft bis zum darauffolgenden Oktober und das macht auch Sinn, denn mit dem Erscheinen der Buchreihe ist die Arbeit nicht zu Ende. Aber die Bewerberin will anscheinend ganz schnell weg. Egal, was aus der von ihr konzipierten Reihe wird. Wieso bringt sie das Projekt nicht ordentlich zu Ende und sucht zum Herbst einen neuen Job?

(Potentielle) Arbeitgebende haben vor allem ein Interesse daran, dass die Arbeit läuft. Wenn die Bewerberin mitten im Projekt verschwindet, dann müssen der neue Arbeitgebende damit rechnen, dass ihnen dasselbe passiert. Und wer will das schon.

Irritationen vermeiden

In einem Branchenmagazin im Internet wird die junge Frau als erfolgreiche Nachwuchskraft porträtiert: „D. lebt heute ihren Traum, Lektorin im Verlag zu sein.“ Das war vor einem halben Jahr und jetzt will sie nur noch weg und hat, was die „Jobvorstellungen betrifft, kaum Einschränkungen“. Was ist passiert?

Die Bewerberin arbeitet aktuell in Norden, der Freund fand eine Stelle im Westen und die junge Frau sucht jetzt im Süden einen Job. Ich google noch ein bisschen, um mehr über die Bewerberin zu erfahren. Eine Jockey im Schwabenland sieht ihr sehr ähnlich. Ein Pferd, der wahre Freund?

Fragen über Fragen, auf die es im Anschreiben keine Antwort gibt, die aber irritieren und zum Löschen der Anfrage verleiten.

Eine Initiativbewerbung über eine Mailingliste versenden

Natürlich kann man einschlägige Mailinglisten nutzen, um sein Interesse an einer neuen Stelle kund zu tun. Allerdings sollte man sich klar darüber sein, dass eine solche Anfrage von vielen Menschen gelesen wird. Eine Mail ist schnell weitergeleitet und die Buchbranche ist überschaubar. Man kennt sich. So ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der derzeitige Arbeitgeber via Mailingliste erfährt, dass er in der heißen Phase der Projektumsetzung eine Vakanz zu erwarten hat. Ob das die Bewerberin beabsichtigte?

Wer allgemeine Verteiler nutzt, sollte das Anschreiben so formulieren, dass jede:r – auch der aktuelle Arbeitgeber – die Nachricht lesen können sollte: „Weil befristet beschäftigt, suche ich ab … eine neue Stelle als … Gerne sende ich meine vollständigen Bewerbungsunterlagen auf Wunsch zu. Direkte Kontaktaufnahme bitte unter Mein_Name@e-mail.de.

Persönliche Motive erörtere ich im persönlichen Gespräch

Wir kennen uns nicht, aber ich habe über die junge Frau durch ihre Massenmail viele persönliche Dinge erfahren. Vor einem halben Jahr war der aktuelle Job noch der Traumjob, jetzt ist er es anscheinend nicht mehr. Die Bewerberin schreibt, sie sei „flexibel, kreativ und vielseitig interessiert.“ Vielleicht ist sie aber vor allem flatterhaft und und unstet? Das ist der Eindruck, der sich mir beim Lesen der Mail aufdrängt und ich fürchte, dass künftige Arbeitgebende vor allem damit rechnen müssen, dass die junge Nachwuchskraft auch den nächsten Job hinwirft, weil der Traummann ein anderer ist, eine schöne Stelle in Berlin lockt oder das Pferd Anlass gibt, das Ländle wieder fluchtartig zu verlassen.

Die Vereinbarung von persönlichen Interessen mit dem Beruf, eine gute Work-Life-Balance erwarten heute viele, v.a. Jüngere Arbeitnehmer:innen und Arbeitgebende sind in Zeiten des Fachkräftemangels zu Zugeständnissen durchaus bereit. Vielfältige Arbeitsarrangements sind möglich. Voraussetzung für die Verhandlung verschiedener Optionen ist allerdings, dass ich weiß, was ich will – und hier hat die Bewerberin – so scheint es mir – einigen Klärungsbedarf. Aber das ist ein anderes (Coaching)-Thema.