Deutsch ist eine schwere Sprache – und in der Schweiz ein großes Fettnäpfchen dazu

Ich bin ich bei Verena in Basel zu Besuch. Eigentlich mag ich die Schweiz nicht so sehr. Oder sagen wir mal, bevor ich Verena in Deutschland kennenlernte, wo sie für einige Jahre arbeitete, mochte ich die Schweiz nicht. Berge beengen mich. Ich mag es lieber flach und weit. Aber seit ich Verena kenne, komme ich öfter mal in die Schweiz. Sogar in den Bergen war ich schon mit ihr. Die sind immer noch steil, immer noch eng, aber ich gebe zu, wenn man es mal geschafft hat, oben anzukommen, ist die Aussicht nicht so schlecht.  Die Schweiz hat doch ihre Reize. Und was mich wirklich fasziniert ist die Sprachenvielfalt in diesem Land. Im Vergleich zur Verena, die ein wahres Sprachgenie ist und neben den Landessprachen Italienisch, Französisch und Deutsch auch noch Englisch, Russisch, Tschechisch und Spanisch sprechen kann, bin ich nicht so sprachbegabt.  Mit meinem halbwegs tauglichen Englisch komme ich in vielen Teilen Europas und in der Welt voran. In Frankreich klappt es mit meinem Französisch nicht ganz so gut, weil die Franzosen immer so schnell sprechen und ich nicht so schnell bin, aber da nehmen die wenig Rücksicht, weil sie finden, dass jeder gebildete Mensch Französisch sprechen können sollte und wer das nicht kann, hat eben Pech gehabt. Aber manchmal habe ich echt Glück und komme sogar mit Deutsch weiter. Die Schweiz ist so ein Land, wo es  mit dem Deutschen gut geht. So dachte ich jedenfalls bis zu diesem Abend an dem mir Verena erklärt, was es mit dem Hochdeutschen und dem Schweizerdeutschen auf sich hat.

Eine Lektion in Schweizerdeutsch – eine Sprache für sich

Verena und ich sitzen mit einem Aperó auf dem Balkon und ich lerne, dass es in diesem kleinen Land neben dem Deutschen und Französischen und Italienischem noch weitere Sprachen gibt. Das Rätoromanische sprechen zwar nur einige tausend Menschen in den Bergen, aber es ist eine weitere offizielle Landessprache der Schweiz.

Und dann gibt es noch das Schwyzerdütsch. Bisher dachte ich immer, dass was Emil – der Kabaretist – im deutschen Fernsehen redet, das sei Schwyzerdütsch, aber an diesem Abend erfahre ich, dass Schweizerdeutsch nicht nur eine Spachfärbung oder Mundart wie das Hessische sei, was ich aach net rischtisch babbeln kaa, alldiewie isch halt net aus Franfott kimm.

Das Emildeutsch sei das Hochdeutsch der Deutschschweizer, so erklärt es mir die Verena und für sie sei es durchaus anstrengend, Hochdeutsch zu reden, weil es  fast eine Fremdsprache für sie sei.  Gaanz anners als wie bei die Hesse, die do koa Problem hawwe, wann isch se net versteh un die dann ebbe e bissi deutlischer babbele.

Da bin ich fast vom Stuhl gefallen, weil ich das einfach nicht glauben konnte, dass das Hoch- und Emildeutsch eine Fremdsprache für die Deutschschweizer ist, weil doch alle Deutschschweizer, die ich bisher traf, mit mir ganz selbstverständlich das schweizerische Hochdeutsch sprachen. Aber natürlich muss ich  zugeben, dass ich das Schweizerdeutsch, das die Verena mit ihren Neffen spricht, wirklich nicht verstehe. Nur dachte ich bisher, dass sei ein Dialekt wie das Hessische, aber nein, das ist es nicht. Das Schwyzerdütsch sei eine „Diglossie“ und vom Dialekt im Verhältnis zum Schriftdeutschen weit entfernt erklärte mir die Verena.

Schweizerdeutsch ist komplex

Und dann bin ich gleich noch mal vom Stuhl gefallen, weil mir die Verena erzählte, dass viele Deutschschweizer – und nicht nur die W ähler vom Herrn Blocher – finden, dass das Hochdeutsch die Schweiz zu sehr dominiere. Das läge daran, dass hier so viele Deutsche arbeiten und immer wenn nur ein Deutscher dabei ist, dann müssten alle Schweizer Hochdeutsch reden, obwohl das doch gar nicht ihre Muttersprache sei und dann fühlten sich die Deutschschweizer bei sich zu Hause ein wenig fremd.

Und die Deutschen, die wären so ignorant, würden fast nie Schweizerdeutsch lernen, auch wenn sie viele Jahre in dem Land leben, weil sie meinen, dass das mit dem Hochdeutschen doch wunderbar klappe in der Schweiz. Es  klappt ja für die Deutschen auch gut, aber das liege eben  daran, dass die Schweizer:innen  ein sehr höfliches Volk seien und deshalb mit den Deutschen Hochdeutsch reden und so würden die Deutschen gar nicht merken, was sie mit ihrem Hochdeutsch so anrichten.

Und nachdem wir noch ein wenig über die Deutschen und die Schweizer:innen sprachen, kam heraus, dass die Schweizer:innen es gar nicht mögen, wenn die Deutschen das Emildeutsch so schön, so gemütlich, so freundlich finden – was ja viele Deutsche meinen und ich mag es auch, weil es auf mich so freundlich und beruhigend wirkt. Aber die Schweizer selbst beruhigt das gar nicht. Die fühlen sich dann nicht ernst genommen und für blöd verkauft und das mögen sie natürlich nicht. Aber sagen tun sie das normalerweise nicht, weil sie dafür auch wieder zu höflich sind. Aber sie ärgern sich, weil die Deutschen sich  mit einem großen Selbstverständnis so verhalten, als wenn sie in der Schweiz zu Hause wären. Die meisten Deutschen denken ja, dass es in der Deutschschweiz fast genauso wie bei ihnen daheim sei, nur dass sie hier einfach viel mehr Geld für ihre Arbeit bekommen. Und weil die Deutschen so selbstbewußt auftreten und alles so machen, wie sie es von zu Hause kennen, haben die Schweizer:innen manchmal auch noch Komplexe gegenüber den Deutschen.

Und da bin ich schon wieder vom Stuhl gefallen. Schweizer:innen haben Komplexe? Gegenüber Deutschen? Wo sie doch von der ganzen Welt bewundert werden und von den Deutschen sowieso. Doch doch, sagt die Verena, vor allem wenn jemand so richtiges Hochdeutsch spreche, dann würden die Schweizer:innen gleich daran denken, dass sie das nicht so gut können und sehen sich in der Defensive gegenüber den Bürgern aus dem großen Kanton.

Schlechtes Englisch für alle ist auch keine Lösung

Vor mir liegt ein riesiger Berg. Noch viel höher als das Matterhorn. Das ist mir alles so fremd und ich fühle mich hier ganz sicher nicht heimisch.  Soll ich jetzt Bergsteigen lernen – ausgerechnet ich, die Flachlandtirolerin?

Soll ich einfach weiter reden? Reden hilft ja meistens. Aber wie und in welcher Sprache? Soll ich jetzt  Hessisch babbele, aber des kann isch aa  nich. Vielleicht sollte des Vreni Schwyzerdütsch reden und ich versuche dann mich da reinzuhören und sie vielleicht besser zu verstehen?

Zu Weihnachten hat Verena mir ein Wörterbuch geschenkt. Deutsch-Schweizerdeutsch. Da lerne ich jetzt Vokabeln. So wie früher in der Schule in Französisch. Und mit der Aussprache hapert es genauso wie damals. Es bleibt ein harter Aufstieg. Ich bin gespannt auf die Aussicht, wenn ich dann mal oben angelangt bin.